Liebes Dresden,
ich glaube Du kennst mich. Mein Name ist Bagdad. Ich weiß,
dass Du vor sechzig Jahren schwer gelitten hast. Die Engländer
und Amerikaner haben Dich mit Bombenhagel zerstört. Keiner
der Verantwortlichen wurde vor ein internationales Tribunal gestellt.
Das ist sechzig Jahre her. Ich habe von einigen meiner Bewohner,
die bei Dir einen zweiten Wohnsitz gefunden haben, erfahren, dass
Du wieder gesund bist und Deine Schönheit wieder erlangt hast.
Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen.
Ich schreibe Dir, weil ich seit mehr als drei Jahrzehnten leide.
Es ist schrecklich.
Vor fast vierzig Jahren wurde ich von einem verbrecherischen Diktator
und seiner Bande vergewaltigt und versklavt. Meine Bewohner gingen
durch die Hölle. Alle Regierungen der Welt haben ihn unterstützt,
bis er 1990 in Kuwait einmarschierte und es plünderte. Die
ganze Welt setzte sich für die Befreiung Kuwaits ein. Es war
die Gelegenheit für die Ölkonzerne, die Ölquellen
in der Golfregion zu erobern. Sie haben mich Tage lang beschossen.
Sehr viele unschuldige Frauen und Kinder wurden getötet. Als
die amerikanische Armee mehr als 170 Kilometer von mir entfernt
einmarschierte, wollte der amerikanische Heerführer Schwarzkopf
den Diktator gefangen nehmen, aber sein Herr lehnte dies ab und
schickte ihn in Rente.
Danach kam das grausame Jahr des Embargos gegen den Irak. Gegen
das Volk – nicht jedoch gegen den Diktator. 12 schreckliche
Jahre folgten – Mord, Vergewaltigung, Massenvernichtung. Die
dunkelste Zeit meiner mehr als 1200 Jahre. Als der verbrecherische
Diktator am Ende war, arbeitete sein Herr in den USA an einem neuem
Szenario. Er führte einen Krieg gegen den Irak unter dem Vorwand,
den Irak zu befreien und Demokratie à la Amerika einzusetzen.
Ja, ich bin froh, dass der verbrecherische Diktator beseitigt ist,
aber ich leide seit zwei Jahren unter Brandstiftungen, Plünderungen,
Entführungen, Ermordungen, Geiselnahmen und auch Folterungen
seitens derer, die sich als Befreier und Exporteure der Demokratie
ausgeben. Alle möglichen Banden, Terroristen, Geheimagenten,
Schmuggler sind hierher gekommen. Keiner kann sich seines Leben
und dessen seiner Familienmitglieder sicher sein. Die Kinder trauen
sich nicht, auf den Strassen zu spielen oder auf Spielplätzen,
sofern es diese überhaupt noch gibt. Es gibt keinen Strom,
Gas, Benzin und Petroleum, obwohl ich auf einem Erdölmeer schwimme.
Überall Autobomben. Tausende Tote, besonders bei Kindern und
unschuldigen Menschen, die zufällig in der Nähe sind.
Brauchen diejenigen, die sich als Befreier und Demokraten ausgeben,
wirklich soviel Zeit um ihre Ziele zu erreichen? Wann werden ich
und meine Bewohner in Frieden leben, so wie Du, liebes Dresden?
Denk an mich!
Dein Bagdad

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