Liebe Dresdnerinnen, liebe Dresdner,
sehr geehrte Damen und Herren!
Leid schlägt die Wunden der Trauer. Die Zeit
aber, so heißt es, heilt alle Wunden. Übrig bleiben Narben
- als Erinnerung an das Leid.
Sechzig Jahre ist viel Zeit im Leben eines Menschen.
Wie sieht unsere Erinnerung aus? Was ruft sie zurück, vor allem
für jene, die selbst nicht dabei waren? Sind es die konkreten,
überlieferten Dinge, wie das Plakat vom Juni 1945, auf dem
gewarnt wurde: „Achtung Flüchtlinge! Es liegt in Ihrem
eigenen Interesse, Dresden nicht aufzusuchen!“ Oder sind es
jene Nachrichten mit Kreide voller Verzweiflung und Hoffnung auf
die geschwärzten Ruinen geschrieben: „Franz lebst du?
Deine Eltern“; „Mutter, wir suchen dich. Ernst und Cläre“
Haben sich die Wunden der Trauer um die Toten des
13. und 14. Februar 1945, um die Zerstörung unserer Stadt inzwischen
geschlossen? Wie erinnern wir uns, da Dresden neu entstanden ist
und immer weniger Zeitzeugen berichten können?
Wozu dient unsere Erinnerung?
Wenn wir uns die Ereignisse des 13. und 14. Februars 1945 zurückrufen
– Nachgeborene können dies ohnehin nur über Texte,
Bilder und anhand der Narben in den Familien und im Stadtbild –
dann stehen wir fassungslos. Doch wir kommen nicht aus, ohne uns
und ohne etwas fassen zu können.
In der Erinnerung wandelt sich so die Trauer zum
Gedenken. Wer sich nicht erinnert, kann auch nicht gedenken. Alljährlich
versammeln wir uns, um uns die Geschehnisse ins Gedächtnis
zu rufen. Unsere Gedanken gehen zu unseren Toten in der zerstörten
Stadt, wir stellen Kerzen ab, und versuchen es zu fassen. Der Anblick
der Narben ruft die Trauer wieder auf.
Wozu aber dient unser Gedenken?
Das Gedenken gibt unseren Erinnerungen Richtung. Wir versuchen,
etwas daraus zu gewinnen. Wir möchten fassen, was passiert
ist und es begreifen, schließlich sind wir das den Toten schuldig.
Zum Begreifen aber gehört Wissen, vor allem auch wissen wollen.
Wer nicht weiß, kann nicht begreifen.
Mit der Frage nach dem Was kommt auch die Frage
nach dem Warum. So gibt das Gedenken unseren Erinnerungen die Richtung.
Wer nicht gedenkt, zieht auch keine Lehren.
Schon viele Jahre geht deshalb unser Blick über
unser eigenes Schicksal hinaus. Wer eigenes Leid erlebt hat, versteht
fremdes sehr gut. Wenn wir uns also an die Ängste der Mütter
mit ihren Kindern in den Luftschutzkellern Dresdens erinnern, verstehen
wir auch die der Menschen in Rotterdam. Wenn wir wissen wollen,
dass Deutschlands Luftwaffe Coventry zerstört hat, dann verstehen
wir auch die Zerstörung Dresdens. Die Antwort nach dem Warum
erhellt sich.
Wir gedenken aller Toten des Zweiten Weltkrieges,
wenn wir unserer Toten gedenken. Wir gedenken heute aber auch aller,
die in Kriegen und Terrorakten umgekommen sind und immer wieder
umkommen.
Nie wieder Krieg! Und nie wieder Krieg muss es immer und immer wieder
heißen, gerade, weil es Kriege und Terror, die unmenschlichen
Tollheiten von Menschen, noch immer gibt.
Wozu dient dann unser Begreifen?
Nur wer begreift, kann selbst Frieden finden – selbst Frieden
finden, um Frieden bewirken zu können.
Der Friedenswille ließ uns Dresdnerinnen und
Dresdner die Zerstörung überwinden und unsere Stadt wieder
aufbauen. Mut und Lebenswille gehörten dazu, erst einmal die
Straßen frei zu räumen, Schuttberge weg zu transportieren,
Ziegel zu klopfen und die Stadt nach und nach wieder aufzubauen.
Der Wille zum Frieden ließ die Trümmerfrauen die Schwielen
an den Händen, Not und Entbehrung ertragen.
Begreifen führt zwangsläufig zur Tat. Wir, die Dresdner
Bürgerschaft, haben unseren Frieden auch mit dem Wiederaufbau
unserer Stadt gefunden und riefen und rufen alle auf, ihn mit uns
zu finden. So pflegten und pflegen wir Städtepartnerschaften,
baten und bitten wir um Versöhnung.
Ein wunderschönes Gebäude entstand, weil
unsere ausgestreckten Hände ergriffen wurden und weil wir uns
dargebotene Hände ergreifen durften. Ein Gebäude, das
Hoffnung verbreitet und vieles Schmerzliche lindert, das Gebäude
der Versöhnung.
Und wir Dresdner haben das Glück dieses Gebäude der Versöhnung
materialisiert in unserer Stadt bewundern zu können: Es ist
die Seele der Stadt, unsere Frauenkirche.
Das Kuppelkreuz, gespendet von den Engländern und geschmiedet
vom Sohn eines Bomberpiloten, der die Angriffe mit geflogen hatte.
Eine Flammenvase aus Sandstein für einen der Ecktürme
spendeten Überlebende und Familienangehörige Hingerichteter
aus Gostyn, einer kleinen Stadt in Polen, der deutsche Besatzer
unendliches Leid zufügten. – Nur zwei Beispiele für
Versöhnung. Jozef Kordus, mit sechzehn Jahren jüngstes
Mitglied der Widerstandsgruppe in Gostyn, überlebte die Nazihaft,
sein zwei Jahre älterer Bruder nicht. Sein Leben endete unter
dem Fallbeil im Innenhof des Landgerichts am Münchner Platz.
Jozef Kordus sagte: „Ohne Vergebung wird niemand Frieden finden;
nicht der einzelne Mensch und nicht die Welt.“
Liebe Dresdnerinnen, liebe Dresdner, sehr geehrte Damen und Herren,
Trauer, Erinnerung, Gedenken und Begreifen führen nicht automatisch
zur Versöhnung. Versöhnung ist ein Prozess, der der Anstrengung,
oft sehr schmerzlicher Anstrengung, bedarf. Eines ist dabei ganz
wichtig: Er darf niemals beendet werden.
Heute, nach sechzig Jahren, weihen wir eine Erinnerungsstelle hier
auf dem Altmarkt ein – ein Ort, der viele Facetten städtischen
Lebens gesehen hat, auch das grausame Geschehen vor sechzig Jahren.
Die Erinnerungsstelle gestaltete Einhart Grotegut, ein Künstler,
der sich schon mehrfach in großartiger Art und Weise mit dem
Thema der Zerstörung Dresdens befasst hat.
Der Text lautet: „Nach den Luftangriffen vom 13. bis 15.
Februar 1945 auf Dresden wurden an diesem Ort die Leichen von 6.865
Menschen verbrannt.“
Insbesondere für junge Menschen wollen wir damit die Erinnerung
wachhalten an die furchtbaren Ereignisse in der Geschichte unserer
Stadt – Erinnerung wachhalten, um Gedenken und vor allem Begreifen
zu provozieren.
Alles ist im Wandel: der Ort, unsere Trauer, unsere Erinnerung,
unser Gedenken, unser Begreifen.
Immer wieder müssen wir uns dem neu stellen. Und wachsam müssen
wir sein, dass das wundervolle Gebäude der Versöhnung
nicht beschädigt wird. Allen ist es deutlich vor Augen geführt
worden, was heute, sechzig Jahre danach, wieder möglich ist,
was die braunen Rattenfänger, wenn sie die Maske des Biedermannes
fallen lassen, eigentlich wollen. Mit geistiger Zündelei fangen
sie an, dann brennen wieder die Städte.
Nicht noch einmal! Nicht wieder!
Gemeinsam sind wir wehrhaft, wenn wir immer wieder begreifen. Das
Tragen der weißen Rose zeigt, dass wir immer wieder begreifen
wollen. Die Erinnerungsstelle soll zeigen, dass wir immer wieder
aus unserem Gedenken heraus begreifen wollen.
Niemand soll gestattet sein, unsere Erinnerungen, unser Gedenken
zu missbrauchen.
In diesem Sinne gebe ich die Erinnerungsstelle auf dem Altmarkt
frei.

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