13. Februar 2005:
»GeDenken« – Texte

   
       

Startseite

Texte

 

Botschaft aus Grosny an Dresden

Liebe Freunde und Freundinnen hier in Dresden,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich möchte Ihnen von meinem Land erzählen: von Tschetschenien.
Ich habe Fotos von der zerstörten Stadt Dresden gesehen und stelle fest: Wie sich die Bilder gleichen!
Dresden vor 60 Jahren und Grosny heute: Beide Städte: Kaputt gebombt! Ruinen wohin man schaut ... und Menschen, die zwischen den Schuttbergen und Trümmern nach Überlebensmöglichkeiten suchen.

In den letzten 11 Jahren hat das tschetschenische Volk zwei brutale Kriege erlebt und viele Menschen haben diese Zeit nicht überlebt. Auf dem Territorium Tschetscheniens werden praktisch im neunten Jahr Kriegshandlungen mit sinnlosen Grausamkeiten gegen die zivile Bevölkerung durchgeführt.
Städte und Dörfer wurden unerwartet von modernen Kampfflugzeugen angegriffen und Tonnen von Bombenmaterial auf die Einwohner abgeworfen. „Land-Land“-Raketen beschossen die Zivilbevölkerung; Waffengattungen, die unter das Verbot der Internationalen Konvention fallen – wie z.B. Vakuum - Bomben, mit spitzen Nägeln gefüllte Clash-Bomben, Minen, als Spielzeug getarnt – wurden ungehindert angewandt.

Heute ist die Kriegsführung anders: Menschen werden willkürlich verhaftet und weggebracht. Sie verschwinden: am Tag , in der Nacht, in Städten und Dörfern. Bewaffnete, meist maskierte russische Soldaten, Leute aus der Armee, aus speziellen Geheimdiensten und der Miliz dringen völlig unerwartet in die Häuser ein und entführen die Menschen, meistens junge Männer. Danach finden die Verwandten die Leichen ihrer Angehörigen auf den Feldern und Straßen. Aber die meisten bleiben verschwunden. Hier kämpfen bewaffnete Männer gegen unbewaffnete Leute!

Am 20. Dezember besuchte der Präsident Russlands, Wladimir Putin, zusammen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder die Stadt Schleswig im Norden Deutschlands . Er bemerkte eine Gruppe Demonstranten mit Plakaten gegen den Krieg in Tschetschenien. Der russische Präsident erklärte, dass die Demonstranten nach Hause gehen sollten, der Krieg in Tschetschenien sei schon seit drei Jahren beendet. Das ist eine klare Lüge! Am Vorabend des neuen Jahres, während er diese hochmütigen und geringschätzigen Worte sagte, führten russische Flugzeuge Angriffe gegen Siedlungen in Tschetschenien durch. Dort konnte keiner in Ruhe das Neue Jahr begrüßen, so, wie er es den deutschen Demonstranten empfohlen hatte. In Tschetschenien mussten sich Menschen in der kalten Neujahrsnacht in Kellern verstecken.

Am 14., 15. und 16. Januar dieses Jahres haben die föderalen Kräfte im Dorf Sumsoj des Rayons Itum-Kalinsk im Kaukasus eine militärische „Operation“ durchgeführt mit Raketen- und Bombenschlägen. Dabei wurden Häuser zerstört oder stark beschädigt. Von Hubschraubern aus wurden Landungstruppen abgesetzt, die das Dorf beschossen. Das Dorf hat keinen Widerstand leisten können, denn die Zivilisten dort hatten keine Waffen. Das Militär behauptete – wie immer – im Dorf hätten sich Rebellen versteckt. Aber auch nach drei Tagen haben sie keinen Rebellen gefunden - dafür aber zerstörte Häuser und Seelen hinterlassen. Bei ihren „Säuberungsaktionen“ drangen die Soldaten in die Häuser ein, beschimpften in grober Weise die Bewohner, nahmen mit, was sie an Wertsachen vorfanden, und, was sie nicht mitnahmen, zerstörten sie. Einigen Bewohnern wurden die Pässe und wichtige Papiere abgenommen. In einigen Höfen haben die Soldaten die Tiere erschossen: Pferde, Kühe, auch Hühner und Puten.
Am späten Abend des 14. Januar 05 haben die Militärs Schirwanie Nasipow verhaftet, am nächsten Morgen Wacha Muchaev, dessen 15-jährigen Sohn Arbi und Magomed Ibischew. Dann verließen die russischen Soldaten mit ihren Hubschraubern das Gebiet und nahmen die Gefangenen mit. Bis heute weiß man nichts von ihrem Aufenthaltsort und von den Gründen ihrer Verhaftung.
Nach Mitteilung von Herrn Putin gibt es doch angeblich Frieden in Tschetschenien!

Tschetschenien ist ein kleines Land. Man kann es mit dem Auto in ca. zwei Stunden durchqueren. Hier lebten einmal eine Million zufriedener Menschen, bevor der erste Krieg begann. Jetzt ist ein Viertel der Bevölkerung schon tot. Für ein kleines Volk in einem kleinen Land bedeutet das Genozid. Die lebenswichtigen und -erhaltenden Strukturen sind auch zerstört: Fabriken, Betriebe, Schulen und Krankenhäuser. Grosny, ehemals eine blühende Stadt, liegt in Ruinen. Die Bombardierungen sind eine barbarische Zerstörung ohne militärischen Sinn. Die Gewaltspirale von Terror und Anti-Terror muss endlich durchbrochen werden!

Wenn wir uns heute an die Sinnlosigkeit der Zerstörung Dresdens erinnern, an den Tod so vieler Zivilisten, friedlicher Menschen, die mit Militär und Krieg nichts zu tun hatten, auch an die Vernichtung all der großartigen Kunstschätze, müssen wir sagen:

Krieg war damals und ist heute nie und nimmer zu rechtfertigen.
Krieg bedeutet immer und überall Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mit dem Führen von Kriegen lassen sich keine Wahrheiten beweisen und keine Gerechtigkeiten herstellen.

Für mein Land, für mein Volk, verlange ich das Ende des Krieges, das Ende der Unterdrückung, das Ende von Verfolgung, Quälen und Morden.
Wir verlangen, dass Ruhe und Schutz für die Bevölkerung nur mit friedlichen Methoden und politischen Mitteln durchgesetzt werden.
Das 21. Jahrhundert soll der Beginn einer anhaltenden Epoche sein ohne Kriege, ohne Unterdrückung und Leiden - für alle Völker.

Ich komme aus einem Land, in dem die Kinder nicht wissen, was Frieden bedeutet, aus einem Land, das unter der Last von Krieg, Hass und Rache zusammengebrochen ist – so wie es bei Ihnen vor 60 Jahren war.

Und deshalb bin ich Ihnen heute sehr nahe – auch wenn ich persönlich nicht hier sein kann.

Lassen Sie uns gemeinsam appellieren an alle Politiker weltweit:
Seien Sie guten Mutes, haben Sie guten Willen! Sagen Sie „NEIN“ zu jedem Krieg und ziehen Sie jedem militärischen Einsatz politische Verhandlungen vor! Machen Sie FRIEDEN jetzt! Es gibt auch Friedenspläne für Tschetschenien. Seien Sie bereit, Herr Putin, zu Verhandlungen mit tschetschenischen Politikern, die keine Terroristen sind! Sagen Sie „Ja“ zu Gesprächen und „Nein“ zu Kampfhandlungen!
Alle Politiker müssten dem zustimmen.

(Wer wird auf unseren Appell antworten und zum Frieden „Ja“ sagen? Sie könnten das heute und jetzt tun! Sie sind verpflichtet dazu vor dem Angesicht der leidenden Menschheit, vor den Wirklichkeiten kommender Katastrophen, zu denen unausweichlich jeder moderne Krieg führt.)

Liebe Freunde in Dresden,
lasst uns gemeinsam mit friedlichen Mitteln für Frieden und Gerechtigkeit
kämpfen, Sie in Ihrem Land und ich in meinem.


Ich wurde gefragt, ob es ein humanitäres Projekt in Tschetschenien gibt, das ich für eine finanzielle Unterstützung empfehlen kann. Ja, es gibt schon gute Projekte für die Zivilbevölkerung, die die Not lindern helfen.

Ein Projekt habe ich mit tschetschenischen Frauen für tschetschenische
Frauen in Grosny im September 2002 gegründet. Es ist das Zentrum „Frauenwürde“, in dem kompetente Hilfe für Frauen angeboten wird, die juristische, medizinische oder therapeutische Unterstützung benötigen.

Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in Göttingen, mit der ich sehr gut zusammenarbeite, führt das Konto für das Frauenprojekt und stellt auch Spendenquittungen aus:

Stichwort: „Elsa“
Kontonummer: 0007 400 201
Postbank Hamburg
BLZ: 200 100 20

Ich danke Ihnen, dass Sie meinen Worten zugehört haben und grüße Sie alle mit unserem tschetschenischen Friedensgruß: SALAM MARSCHAL!

nach oben

 

Überbracht von Lipkan Bassajewa

 

  zurück