Liebe Freunde und Freundinnen hier
in Dresden,
sehr geehrte Damen und Herren!
Ich möchte Ihnen von meinem Land erzählen: von Tschetschenien.
Ich habe Fotos von der zerstörten Stadt Dresden gesehen und
stelle fest: Wie sich die Bilder gleichen!
Dresden vor 60 Jahren und Grosny heute: Beide Städte: Kaputt
gebombt! Ruinen wohin man schaut ... und Menschen, die zwischen
den Schuttbergen und Trümmern nach Überlebensmöglichkeiten
suchen.
In den letzten 11 Jahren hat das tschetschenische Volk zwei brutale
Kriege erlebt und viele Menschen haben diese Zeit nicht überlebt.
Auf dem Territorium Tschetscheniens werden praktisch im neunten
Jahr Kriegshandlungen mit sinnlosen Grausamkeiten gegen die zivile
Bevölkerung durchgeführt.
Städte und Dörfer wurden unerwartet von modernen Kampfflugzeugen
angegriffen und Tonnen von Bombenmaterial auf die Einwohner abgeworfen.
„Land-Land“-Raketen beschossen die Zivilbevölkerung;
Waffengattungen, die unter das Verbot der Internationalen Konvention
fallen – wie z.B. Vakuum - Bomben, mit spitzen Nägeln
gefüllte Clash-Bomben, Minen, als Spielzeug getarnt –
wurden ungehindert angewandt.
Heute ist die Kriegsführung anders: Menschen werden willkürlich
verhaftet und weggebracht. Sie verschwinden: am Tag , in der Nacht,
in Städten und Dörfern. Bewaffnete, meist maskierte russische
Soldaten, Leute aus der Armee, aus speziellen Geheimdiensten und
der Miliz dringen völlig unerwartet in die Häuser ein
und entführen die Menschen, meistens junge Männer. Danach
finden die Verwandten die Leichen ihrer Angehörigen auf den
Feldern und Straßen. Aber die meisten bleiben verschwunden.
Hier kämpfen bewaffnete Männer gegen unbewaffnete Leute!
Am 20. Dezember besuchte der Präsident Russlands, Wladimir
Putin, zusammen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder die Stadt
Schleswig im Norden Deutschlands . Er bemerkte eine Gruppe Demonstranten
mit Plakaten gegen den Krieg in Tschetschenien. Der russische Präsident
erklärte, dass die Demonstranten nach Hause gehen sollten,
der Krieg in Tschetschenien sei schon seit drei Jahren beendet.
Das ist eine klare Lüge! Am Vorabend des neuen Jahres, während
er diese hochmütigen und geringschätzigen Worte sagte,
führten russische Flugzeuge Angriffe gegen Siedlungen in Tschetschenien
durch. Dort konnte keiner in Ruhe das Neue Jahr begrüßen,
so, wie er es den deutschen Demonstranten empfohlen hatte. In Tschetschenien
mussten sich Menschen in der kalten Neujahrsnacht in Kellern verstecken.
Am 14., 15. und 16. Januar dieses Jahres haben die föderalen
Kräfte im Dorf Sumsoj des Rayons Itum-Kalinsk im Kaukasus eine
militärische „Operation“ durchgeführt mit
Raketen- und Bombenschlägen. Dabei wurden Häuser zerstört
oder stark beschädigt. Von Hubschraubern aus wurden Landungstruppen
abgesetzt, die das Dorf beschossen. Das Dorf hat keinen Widerstand
leisten können, denn die Zivilisten dort hatten keine Waffen.
Das Militär behauptete – wie immer – im Dorf hätten
sich Rebellen versteckt. Aber auch nach drei Tagen haben sie keinen
Rebellen gefunden - dafür aber zerstörte Häuser und
Seelen hinterlassen. Bei ihren „Säuberungsaktionen“
drangen die Soldaten in die Häuser ein, beschimpften in grober
Weise die Bewohner, nahmen mit, was sie an Wertsachen vorfanden,
und, was sie nicht mitnahmen, zerstörten sie. Einigen Bewohnern
wurden die Pässe und wichtige Papiere abgenommen. In einigen
Höfen haben die Soldaten die Tiere erschossen: Pferde, Kühe,
auch Hühner und Puten.
Am späten Abend des 14. Januar 05 haben die Militärs Schirwanie
Nasipow verhaftet, am nächsten Morgen Wacha Muchaev, dessen
15-jährigen Sohn Arbi und Magomed Ibischew. Dann verließen
die russischen Soldaten mit ihren Hubschraubern das Gebiet und nahmen
die Gefangenen mit. Bis heute weiß man nichts von ihrem Aufenthaltsort
und von den Gründen ihrer Verhaftung.
Nach Mitteilung von Herrn Putin gibt es doch angeblich Frieden in
Tschetschenien!
Tschetschenien ist ein kleines Land. Man kann es mit dem Auto in
ca. zwei Stunden durchqueren. Hier lebten einmal eine Million zufriedener
Menschen, bevor der erste Krieg begann. Jetzt ist ein Viertel der
Bevölkerung schon tot. Für ein kleines Volk in einem kleinen
Land bedeutet das Genozid. Die lebenswichtigen und -erhaltenden
Strukturen sind auch zerstört: Fabriken, Betriebe, Schulen
und Krankenhäuser. Grosny, ehemals eine blühende Stadt,
liegt in Ruinen. Die Bombardierungen sind eine barbarische Zerstörung
ohne militärischen Sinn. Die Gewaltspirale von Terror und Anti-Terror
muss endlich durchbrochen werden!
Wenn wir uns heute an die Sinnlosigkeit der Zerstörung Dresdens
erinnern, an den Tod so vieler Zivilisten, friedlicher Menschen,
die mit Militär und Krieg nichts zu tun hatten, auch an die
Vernichtung all der großartigen Kunstschätze, müssen
wir sagen:
Krieg war damals und ist heute nie und nimmer zu rechtfertigen.
Krieg bedeutet immer und überall Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Mit dem Führen von Kriegen lassen sich keine Wahrheiten beweisen
und keine Gerechtigkeiten herstellen.
Für mein Land, für mein Volk, verlange ich das Ende des
Krieges, das Ende der Unterdrückung, das Ende von Verfolgung,
Quälen und Morden.
Wir verlangen, dass Ruhe und Schutz für die Bevölkerung
nur mit friedlichen Methoden und politischen Mitteln durchgesetzt
werden.
Das 21. Jahrhundert soll der Beginn einer anhaltenden Epoche sein
ohne Kriege, ohne Unterdrückung und Leiden - für alle
Völker.
Ich komme aus einem Land, in dem die Kinder nicht wissen, was Frieden
bedeutet, aus einem Land, das unter der Last von Krieg, Hass und
Rache zusammengebrochen ist – so wie es bei Ihnen vor 60 Jahren
war.
Und deshalb bin ich Ihnen heute sehr nahe – auch wenn ich
persönlich nicht hier sein kann.
Lassen Sie uns gemeinsam appellieren an alle Politiker weltweit:
Seien Sie guten Mutes, haben Sie guten Willen! Sagen Sie „NEIN“
zu jedem Krieg und ziehen Sie jedem militärischen Einsatz politische
Verhandlungen vor! Machen Sie FRIEDEN jetzt! Es gibt auch Friedenspläne
für Tschetschenien. Seien Sie bereit, Herr Putin, zu Verhandlungen
mit tschetschenischen Politikern, die keine Terroristen sind! Sagen
Sie „Ja“ zu Gesprächen und „Nein“ zu
Kampfhandlungen!
Alle Politiker müssten dem zustimmen.
(Wer wird auf unseren Appell antworten und zum Frieden „Ja“
sagen? Sie könnten das heute und jetzt tun! Sie sind verpflichtet
dazu vor dem Angesicht der leidenden Menschheit, vor den Wirklichkeiten
kommender Katastrophen, zu denen unausweichlich jeder moderne Krieg
führt.)
Liebe Freunde in Dresden,
lasst uns gemeinsam mit friedlichen Mitteln für Frieden und
Gerechtigkeit
kämpfen, Sie in Ihrem Land und ich in meinem.
Ich wurde gefragt, ob es ein humanitäres Projekt in Tschetschenien
gibt, das ich für eine finanzielle Unterstützung empfehlen
kann. Ja, es gibt schon gute Projekte für die Zivilbevölkerung,
die die Not lindern helfen.
Ein Projekt habe ich mit tschetschenischen Frauen für tschetschenische
Frauen in Grosny im September 2002 gegründet. Es ist das Zentrum
„Frauenwürde“, in dem kompetente Hilfe für
Frauen angeboten wird, die juristische, medizinische oder therapeutische
Unterstützung benötigen.
Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in
Göttingen, mit der ich sehr gut zusammenarbeite, führt
das Konto für das Frauenprojekt und stellt auch Spendenquittungen
aus:
Stichwort: „Elsa“
Kontonummer: 0007 400 201
Postbank Hamburg
BLZ: 200 100 20
Ich danke Ihnen, dass Sie meinen Worten zugehört haben und
grüße Sie alle mit unserem tschetschenischen Friedensgruß:
SALAM MARSCHAL!

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