Erfahrungen #3

   
       

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IG »13. 2.1945«

Erfahrungen

Teil 3

 

1995: Kerzen in der Johannstadt

Mit dem Jahr 1995, dem 40. Jahrestag der Zerstörung Dresdens und des Kriegsendes, erhielt die seit 1946 etablierte Dresdner Gedenktradition eine neue Dimension: Zum ersten Mal wurde der Jahrestag im wiedervereinigten Deutschland begangen, was ein umfangreiches politisches Programm in Dresden und weltweite Medienpräsenz zur Folge hatte. Dresden wurde damit als gesamtdeutscher Gedenkort etabliert und zum zentralen Anlass politischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen über einen angemessenen deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit.

In einer schier endlosen Fülle von Veranstaltungen und Medienereignissen, an denen neben dem deutschen Bundespräsidenten das politische Establishment mehrere europäischer Staaten teilnahm, erschien vielen Dresdnern wenig Raum für das tradierte persönliche Gedenken. So suchte der Verein nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten abseits der medialen Gedenkinszenierungen und griff die Initiative der Dresdner Zeitzeugin Nora Lang auf: Sie hatte vorgeschlagen, die älteren Dresdner mögen sich am Abend des 13. Februar mit Kerzen an der Stelle einfinden, an der bis zur Zerstörung ihre Häuser gestanden hatten.

Das Ergebnis war überwältigend. Abseits der Übertragungswagen der TV-Sender waren in der gesamten Stadt Tausende mit Kerzen unterwegs, trafen sich Gruppen Überlebender an Hauseingängen, Straßenkreuzungen und Grünflächen. Die Gemeinschaft der Zeitzeugen formte für einen Abend ein virtuelles Abbild der zerstörten Stadt, deren bauliche Hülle verloren ist.

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1996: Beginn der Arbeit an Schulen

Während die öffentlichen Veranstaltungen des Vereins in der ersten Hälfte der 1990er Jahre vor allem im Kontext der Ausstellung »Lebenszeichen« standen, boten die Erfahrungen des Jahres 1995 den Ausgangspunkt für inhaltliche Erweiterungen: Die Wiederbegegnung der Zeitzeugen untereinander am Abend des 13. Februar 1995 schloss zunächst die jüngeren Generationen der Dresdner aus. Es musste nach Möglichkeiten gesucht werden, einen generationsübergreifenden Dialog zu initiieren und die sich nun stärker artikulierenden Erfahrungen der Zeitzeugen in das städtische Selbstverständnis zu integrieren.

Dazu erschien der Kommunikationsraum Schule geeignet. Seit 1996 experimentierte der Verein mit verschiedenen Veranstaltungsformen in mehreren Dresdner Gymnasien. Neben Vorträgen und Zeitzeugendiskussionen im Rahmen des Geschichtsunterrichts wurden schulische Projektarbeiten angeregt und unterstützt. Höhepunkt der Arbeit waren Veranstaltungen am Abend des Jahrestages, die seit 1996 in Kooperation mit dem Dresdner Bertolt-Brecht-Gymnasium durchgeführt werden konnten.

Am 13. Februar 1996 fertigten dort Schüler mehrerer Klassenstufen einen »Erinnerungsraum«, mit dem die vollständig zerstörten Straßen und Plätze des umgebenden Stadtviertels in der Aula der Schule als Bühnenbild wieder entstanden. Mehrere Hundert älterer Dresdner nutzten diesen Raum, um ihre Erinnerungen öffentlich zu machen, jüngere Menschen waren als Zuhörer und Gesprächspartner einbezogen.

1997 konnte die Erinnerung in die Straßen getragen werden. Schüler hatten Erinnerungsorte recherchiert, in den Straßen markiert und boten am Abend des 13. Februar Führungen an.

Im Jahr darauf befassten sich Schüler des Gymnasiums mit Flüchtlingsschicksalen. Dabei wurden sowohl Zeitzeugen des Jahres 1945 wie auch aktuell in der Stadt lebende Flüchtlinge befragt. Ergebnis war wiederum eine öffentliche Veranstaltung am Abend des 13. Februar.

Bis zum Ende der 1990er Jahre gelang es, die schulische Arbeit am Bertolt-Brecht-Gymnasium zu verstetigen. Eine rege schulische Arbeitsgemeinschaft entstand, die enge Verbindungen zum Verein unterhält. Um die Arbeit auf die Dresdner Schullandschaft insgesamt ausstrahlen zu lassen, führten Vereinsmitglieder Lehrerfortbildungen durch.

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1999: Beginn der internationalen Zusammenarbeit

Peter Grohmann und der Verein »Anstiftung« vermittelten 1999 eine erste Begegnung mit Juan Gutierrez, dem Leiter des Friedensforschungszentrums in der baskischen Stadt Gernika (spanisch Guernica). Nach einer ersten gemeinsamen Veranstaltung in Dresden konnten Arbeitskontakte aufgebaut werden, die zur Einladung einer Zeitzeugin aus dem Verein zu den Gedenkfeiern anlässlich des Jahrestages des deutschen Bombardements auf Gernika im April 1999 führten.

Nach weiteren Treffen mit Juan Gutierrez in Dresden reiste im Oktober 2000 eine vierköpfige Delegation des Vereins nach Gernika. Dieser Besuch war für die Arbeit der Interessengemeinschaft von großer Bedeutung: Die intensive Auseinandersetzung mit der Zielsetzung und der Arbeitsweise des Friedensforschungszentrums in Gernika zeigte die Möglichkeit, auf der zum Symbol gewordenen historischen Bedeutung eines Ortes nachhaltige Friedensarbeit zu gründen. Zugleich war es möglich, eine persönliche Verbindung zu Zeitzeugen der Bombardierung Gernikas zu erhalten. Nach einer stark bewegenden ersten Begegnung entstanden dauerhafte Kontakte, aus denen die Arbeit des Vereins bis heute schöpft.

Während des Jahres 2000 wurde in Gernika die Ausstellung »Kunst für Versöhnung« organisiert. Über die Interessengemeinschaft erging eine Einladung zur Mitarbeit auch an Dresdner Künstler. Nach der Präsentation in mehreren Städten Europas konnte die Ausstellung im Februar 2001 auch im Dresdner Rathaus gezeigt werden. Im Dezember des gleichen Jahres organisierten das Ökumenische Informationszentrum Dresden und der Verein ein mehrtägiges Seminar zu Fragen der Zeitzeugenarbeit, an dem neben einer Delegation aus Gernika auch Vertreter mehrerer deutscher Initiativen teilnahmen.

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Stand: Januar 2004